Wenn Drachen fliegen und Wellen rauschen
Die Stadtkapellen Kirchheim und Burladingen begeisterten in der Eduard-Mörike-Halle
mit einem farbenfrohen Programm zwischen kraftvollen Klangwellen und fantasievollen Bildern.
Mit Energie und Leidenschaft überzeugte die Stadtkapelle Kirchheim unter Stadtmusikdirektor Marc Lange
Beide Orchester sind landesweit bekannt als Garanten für hochwertige Blasmusik und beide können ihr Publikum begeistern durch anspruchsvolle Konzertprogramme, die in herausragender Weise präsentiert werden. Das zeigten die Stadtkapellen von Burladingen und Kirchheim schon im Mai vergangenen Jahres bei ihrem vielbeachteten Doppelkonzert in Burladingen und nun auch am Sonntag in der Eduard-Mörike-Halle Ötlingen. Bürgermeisterin Christine Kullen – der Zufall will es, dass sie vor 20 Jahren in Burladingen als Hauptamtsleiterin fungierte – lobte in ihrer Begrüßung die vorbildliche Kooperation und erwähnte, dass die hohe Qualität dieser Ensembles nicht zuletzt aus einer intensiven Jugendarbeit erwachse.
Drachen und ertrinkende Fischer
Die Stadtkapelle Burladingen eröffnete den Abend mit der schwungvollen „Overture to A New Horizon“ von Matt Bandman. Die bekannte Filmmusik mit majestätischen, teils symphonisch wirkenden Passagen wurde energiegeladen und mit sauberem Klang dargeboten. Reizvolle Kontraste erklangen zwischen leuchtenden Holzbläsern und sonoren tiefen Blechbläsern. Eine herrliche hymnische Melodie der Solotrompete ließ aufhorchen. Der Dirigent Christoph Kolb, zugleich Musikschulleiter in Burladingen, hatte seine Leute gut vorbereitet, führte sie mit unaufgeregter, sicherer Schlagtechnik und sorgte für eine differenzierte, ausdrucksstarke Gestaltung.
Nun tauchte man ein in die Romantik mit der sinfonischen Dichtung „Die Sage der Loreley“ von Mario Bürk, deren Beginn mit hellen Farben durch Flöten und Glockenspiel das romantische Klischee eines Abendsonnenscheins widerspiegelte. Der betörende Gesang der Loreley wurde vortrefflich imitiert von der Soloklarinette, die Gefahr für die abgelenkten Fischer spiegelte sich in dramatischen Schlägen von Großer Trommel und Pauken treffend wider und in wellenförmigen, sich ständig steigernden Auf- und Abbewegungen der Streicher bahnte sich die Katastrophe schon an: Der mächtige Rhein verschlang die Fischer in ihrem Liebestaumel, natürlich mit wildem Strudeln des Orchesters im Fortissimo.
In einer fantasiereichen Vertonung des Romans „Gullivers Reisen“ von Jonathan Swift zeichneten Orchester und Solisten in bunter Orchestrierung unternehmungslustige Liliputaner, Gullivers Kampf gegen monströse Giganten, eine schwebende Insel und trabende Pferde. Die schwierig zu spielende Filmmusik über einen fliegenden Drachen „How to Train Your Dragon“ bewältigten die Burladinger in bewundernswerter Weise. Sie ernteten langanhaltenden Beifall und durften erst nach einer Zugabe die Bühne verlassen.
Schwieriges gemeistert
Den zweiten Teil des Konzerts gestaltete die Stadtkapelle Kirchheim. Stadtmusikdirektor Marc Lange dirigierte körperbetont, er lebte die Musik, war elektrisiert bis in die Fingerspitzen und man merkte ihm an, dass er entflammt war, beste Musik abzuliefern. Wie immer folgten die 80 Musikerinnen und Musiker der Stadtkapelle seinen Vorstellungen von Perfektion und detaillierter Gestaltung. In der „Downey Overture“ von Oscar Navarro ließen sie Rhythmen und Klangfarben zu einer mitreißenden, tänzerischen Atmosphäre verschmelzen. Mal leuchteten die Melodien mediterran und farbenreich, mal trieben temperamentvolle Rhythmen die Musik kraftvoll vorwärts.
Nicht einfach für die Musikerinnen und Musiker erwies sich die schwierige sinfonische Dichtung „Images“ des Spaniers José Suñer Oriola, in der er das bunte Treiben und die Kultur seiner Heimatstadt Illescas porträtiert. Häufige Taktwechsel mit ungewohnten 9/8- und 5/4-Takten erforderten hohe Konzentration, aber die schwierige Musik wurde meisterhaft bewältigt. Dazu trugen nicht zuletzt die sechs ausgezeichneten Schlagwerker bei, die hier gut beschäftigt waren. Hervorragende Solistinnen und Solisten beeindruckten durch routinierte Spieltechnik und Musikalität. Die berühmten Gemälde El Grecos in der Kirche Santa María wurden musikalisch durch choralartige Passagen angedeutet, als würde die Kunst selbst zu singen beginnen. Die Orchestermitglieder sangen mit reinen Stimmen im Stile des 16. Jahrhunderts. Welch wunderbarer Effekt inmitten von Instrumentalmusik! Die Suite Nr. 2 des Kolumbianers Victoriano Valencia Rincón lud ein zu einer musikalischen Reise durch Kolumbien und in die Karibik. Die Stadtkapelle Kirchheim glänzte wieder einmal durch satten Wohlklang und ließ den Puls Lateinamerikas mit einem Füllhorn an landestypischen Melodien und knackigen Rhythmen in den Saal strömen. Nach langwährendem Applaus und Standing Ovations gab es als Zugabe einen mitreißenden Paso Doble.