Ein Bericht im Teckbote am 30.03.09 von FLORIAN STEGMAIERPDF-Version
Überzeugend in trefflicher Geste und subtiler Nuance
Stadtkapelle Kirchheim vereinte beim Konzert in der Stadthalle effektvollen Glanz mit hohem Anspruch
Effektvollen Glanz und hohen Anspruch zu vereinen, diesem keineswegs geringen Anspruch wurde die Kirchheimer Stadtkapelle bei ihrem "Concerto" in der Stadthalle vollauf gerecht. Einen künstlerisch grundlegenden Aspekt, den der Metamorphose nämlich, stellten die Musiker unter der Leitung von Harry D. Bath mit Johan de Meijs "Extreme Make-over" an den Beginn. Die komplexen Verwandlungen, die Tschaikowskis Andante-Thema aus dem Streichquartett op. 1 Nr. 11 darin zu durchlaufen und zu "durchleiden" hat, sind in der Tat extrem und mit besonderen Anforderungen an die Musiker verbunden.
Das geschmeidig-kantable Thema, das zunächst von den Holzbläsern vorgestellt wurde, erfährt eine Behandlung mit dem Skalpell. Forcierte Crescendi setzen harte Kontraste, abgerissene Tonfolgen blitzen neben irisierenden Clustern auf. Mit Nonchalance und einer geradezu genialen Unverfrorenheit verleibt Johan de Meij weitere Zitate aus Tschaikowskis 4. und 6. Sinfonie, den Ballettmusiken oder der "1812"-Ouvertüre der raffinierten Instrumentierung und den Untiefen seines Tonsatzes ein. So bekommt schon einmal die Kesselpauke vom Hauptthema seltenen Besuch, bevor sich in bester neoklassizistischer Manier ein martialisch-straffer Marsch entrollt. In den Mittelpunkt eines klangfarbigen, synkopisch aufgeheizten Intermezzos stellte sich ein virtuoses Solo für Marimbafon, das Perkussionistin Vanessa Wünsch willkommene Gelegenheit zu brillieren gab.
Kontrolliert führt Johan de Meij im Finale die Ordnung ins Chaos. Bis an die Schmerzgrenze ziehen sich die Maschen eines polyfonen Netzes zusammen, aus dessen Verstrickungen, die ein Höchstmaß an Koordination abverlangen, erst ein mächtiges Unisono befreit. Die Dimensionen solcher thematischer Verwandlungen klanglich zu greifen und plastisch erlebbar zu machen, bei aller Vielgestaltigkeit auch die große Form nicht aus den Augen zu verlieren, war hier das interpretatorische Verdienst der Stadtkapelle.
Ein Abstecher in mittelamerikanische Gefilde folgte mit Herbert Owen Reeds "La Fiesta Mexicana". Das Werk ist die Frucht einer sechsmonatigen Reise durch Mexiko, die der Komponist 1948 unternommen hat. Verschiedenste Eindrücke finden sich darin wieder: Die nachhallende Größe aztekischer Kultur, eine sakral gehaltene Innerlichkeit aber auch unverstellte Lebenslust, wie sie sich im "Carnival"-Satz mit munter umherwirbelnden Folkloremotiven freie Bahn bricht. Hier konnte die Stadtkapelle einmal mehr den Reichtum ihrer Register und Solistimmen ausspielen, die sich agil und dynamisch differenziert in temperamentvollen Gegensätzen bewegten.
Zumindest seinen Tonschöpfungen nach ist John Williams jedem Cineasten ein Begriff. Die Filmmusiken zu "Harry Potter", "Star Wars" oder "Indiana Jones" sind nur einige seiner Beiträge zu namhaften Hollywood-Produktionen. Auch "The Cowboy and the Girl" mit John Wayne in der Hauptrolle verdankt Williams den Soundtrack. Besonders in dessen ruhigem, von epischer Breite gezeichnetem Mittelteil gelang es der Kirchheimer Stadtkapelle einen sensibel gezeichneten Klangraum aufzuspannen, der nicht von ungefähr an die Weite der nordamerikanischen Prärie erinnerte.
Einen originellen Soundtrack ohne Film hat Paul Hart mit "Cartoon" geschrieben. Das denkbar klassischste Sujet des Zeichentrickfilms, eine Katz-und-Maus-Jagd, setzte die Stadtkapelle als perfekte fantasievolle Unterhaltung um. Meisterhaft aufeinander eingespielt waren die Musiker als Klangmaler und ausgefuchste Effekt-Spezialisten, die pointiertes, temporeiches Hör-Kino kredenzten.
Nicht zuletzt der Anwesenheit und den einführenden Worten des Komponisten wegen, erwies sich die Uraufführung von Thomas Krauses "Eden – der Engel mit dem Flammenschwert" als besonderes Glanzlicht des "Concerto". Ein Aufenthalt auf dem anatolischen "Götterberg" Nemrud, nahe den Quellen von Euphrat und Tigris, hatte Krause zu diesem Werk angeregt, in dem klangliche Reiseimpressionen und imaginierter Mythos einander kunstvoll durchdringen. In surrealem Kolorit, rufenden Muezzinen im Morgengrauen abgelauscht, schweben Posaunenstimmen umher. Verhängnisvoll erwacht das Paradies zu drastisch-pulsierendem Leben, bevor es wieder in orientalisch schimmernder Dämmerung versinkt. Im Nachspüren dieses Spannungsbogens zwischen Traum und Wirklichkeit zeigte sich die Stadtkapelle als famoser, auch szenisch versierter Interpret.
Schon aufgrund der geschmackvollen Programmauswahl, die den Hörer mit Entdeckungen reich beschenkte, stellte sich das "Concerto" als außergewöhnliches Konzertereignis dar, bei dem die Kirchheimer Stadtkapelle in großer Geste wie in subtiler Nuance gleichermaßen zu überzeugen wusste.
