Ein Bericht in der Nürtinger Zeitung am 26.07.08 von HERWARD HEIDINGER und EBERHARD BECKPDF-Version

Von filigran bis bombastisch

Buntes Musikspektakel beim Tattoo der Stadtkapelle Nürtingen mit namhaften Gästen

Das Wetter schien noch einige Stunden zuvor nicht mitmachen zu wollen. Der musikalische Auftakt erfolgte nach einer kurzen Begrüßung des Vorsitzenden Eberhard Beck durch das erste der beiden Gastorchester, die Stadtkapelle Kirchheim unter Teck, eines der besten Blasorchester im Land, unter der Leitung von Musikdirektor Harry D. Bath. Das Stück "Cortège" aus der Oper "Mlada" von Nicolai Rimski-Korsakow war mit schmetternden Trompetenfanaren und dem pulsierend schreitenden Thema bestens dafür geeignet.

Es folgte ein bunter Reigen, der auch einiges fürs Auge bot. Allein schon der Bühnenaufbau mit den drei Orchestern nebeneinander, die immer abwechselnd spielten, wirkte beeindruckend.

Auch das zweite Gastorchester, das Tübinger Saxophonensemble, eröffnete seinen Beitrag mit einem klassischen Werk: der "Ouvertüre für Harmoniemusik" von Felix Mendelsohn-Bartholdy. Das von Sopran- bis Basssaxophn besetzte Ensemble bot eine unerwartet große Klangvielfalt und glänzte mit brillianten technischen, perfekt aufeinander abgestimmte Passagen. 1997 von ehemaligen Schülern der welbekannten Saxophonistin Carina Raschèr gegründet, hat sich das Ensemble dem klassischen Saxophon verschrieben, das als solches 1848 von Adolphe Sax erbaut wurde. Dieser wollte die Leichtigkeit der Holzblasinstrumente mit der Strahlkraft der Blechblasinstrumente verbinden. Das Saxophonensemble, des ebenfalls unter der diskreten und äußerst präzisen Leitung von Harry D. Bath spielte, erwies ihm mit diesem Auftritt höchste Ehre. So auch in der darauffolgenden Suite von Renaissance-Komponist John Dowland und in Schostkowitschs Jazz-Suite, in der der berühmte Walzer ausdrucksvoll erklang.

Das dritte Orchester auf der Bühne, der Veranstalter selbst, fuhr fort mit einem zeitgenössischen programmatischen Werk: "Die Hexe und die Heilige" von Steven Reineke, dessen Handlung jedoch im Mittelalter zu finden ist. Die 2007 neu formierte Stadtkapelle unter der schwungvollen Leitung von Herward Heidinger

überraschte mit pastellartigen Klängen. Die etwas blechlastige, aber dennoch ausgewogene Besetzung musste stellenweise gegen den böigen Wind ankämpfen, der so manch leise Passage und den einen oder anderen Notenständer wegblies. Dennoch kam die Dramatik des Werkes voll zum Ausdruck.

Die bläserische klangliche Vielfalt des Abend war geprägt vor allem durch den ständigen Wechsel der Orchester, aber auch durch die Vielseitigkeit der einzelnen Beiträge selbst. So erklang auf Seiten der Kirchheimer im Laufe des Abends das Stück "Klezmer Classics", zwei Tänze aus "Terpsichore" von Bob Margolis nach Michael Prätorius und das Trompetensolo "Der Karneval von Venedig" mit Volker Lutz an der Solotrompete.

Auf dem Programm der Nürtinger Stadtkapelle stand unter anderem das Werk "Celtic Flutes" für zwei Soloflöten. Das äußerst filigrane Stück des Komponisten Kurt Gäble knüpft an der keltisch-irischen Musik an. Zur Freude der Solistinnen Dorothee Weinmann und

Astrid Reiter hatte sich der Wind inzwischen gelegt und die beiden konnten spielerisch leicht den Platz mit mit keltischer Mystik füllen. Zum Abschluss erklang noch ein Medley aus dem Musical "Tanz der Vampire".

Auch wenn Vampire die Dunkelheit mögen, hatte mancher Musiker mit der zeitweise schwachen Ausleuchtung der Noten zu kämpfen und so versank der eine oder andere Ton in der Gruft des Grafen Krolok, der sich zum Schluss noch einmal erheben konnte und mit den Titeln "Total Eclipse of the Heart" und "Tanz der Vampire" einen rockigen Schlusspunkt setzte.

Am Himmel war es inzwischen auch dunkel geworden. Zwei gemeinsame bombastische Zugaben mit allen Orchestern zusammen erklangen noch zum Schluss. Über 100 Musiker ließen die Hymne "Highland Cathedral" weit über den Platz hinausschallen, und als genau auf den letzten Takt der Regen einsetzte, klatschten die über 300 Zuhörer einen kurzen, aber heftigen Beifall, bevor sie und alle anderen Beteiligten vor dem Regen flohen.