
Ein Bericht im FORTE 7-8/2008 von TOBIAS CHRISTOPHPDF-Version
>> Das LBO hat als Vorbild viele andere Initiatoren motiviert, Auswahlorchester zu gründen <<
Ein Interview mit Harry D. Bath
Harry D. Bath war von 1986 bis 1996 Dirigent des LBO und hat das Orchester während dieser Zeit geformt und zu Ansehen gebracht. Heute leitet er die Stadtkapelle Kirchheim unter Teck, die Stadtkapelle Wernau sowie das Tübinger Saxofon-Ensemble. Tobias Christoph sprach mit ihm über das LBO im Jubiläumsjahr.
Herr Bath, kennen Sie noch Musiker im LBO, die schon unter Ihrer Stabführung dabei waren?
Einige. Ich möchte jetzt an dieser Stelle nicht alle aufzählen, aber herausheben sollte man Thomas Krause und Roland Ströhm, die zwar nicht mehr aktiv im Orchester sind, aber während meiner Schaffensphase viel Aufbauarbeit geleistet haben.
Wie sind Sie 1986 als "Nicht-Landesmusikdirektor" zum Dirigent berufen worden?
Der Landesverband hat damals beschlossen, dass die Position als Dirigent des LBO nicht mit dem Posten des Landesmusikdirektors zusammenhängen muss. Es gab dann im Vorfeld einige Vorschläge an Dirigenten, die zu einem Probenwochenende eingeladen wurden. Ich habe mich eigentlich gleich sehr gut mit dem Orchester und den Organisatoren verstanden.
Die Auswahlkommission schlug mich dann dem Landesmusikbeirat vor und dieser willigte ein.
Warum haben Sie kurz nach Ihrer Antrittszeit im LBO ein Vorspiel eingeführt?
Es war meiner Ansicht nach einfach notwendig, um ein gewisses Niveau im Orchester zu etablieren und die Leistung weiterzuentwickeln. Wir wollten sichergehen, dass bestimmte Voraussetzungen bei den Kandidaten erfüllt sind.
Natürlich ist so ein Vorspiel immer schwierig: es gibt Kandidaten, die exzellent vorspielen, aber nicht optimal ins Orchester passen. Und dann gibt es Leute, die im Vorspiel einfach
nicht 100 Prozent ihrer Leistung bringen, zum Beispiel weil sie aufgeregt sind, die aber ein sehr hohes Entwicklungspotenzial haben und die man auf alle Fälle akquirieren sollte. Es ist sehr schwer, innerhalb von 15 Minuten ein umfassendes Bild von einem Musiker zu bekommen.
Sie sind mit dem LBO auch zum ersten Mal ins Ausland gereist. Warum?
In erster Linie wollte ich das Orchester noch enger zusammenbinden und das Gemeinschaftsgefühl der Musiker steigern. Wir waren ja damals in Holland zu einer Konzerttournee und haben am "European Wind Band Fetival" von Boosey & Hawkes in Kerkrade teilgenommen. Natülich sollte der Wettbewerb auch dazu dienen, die Leistung des Orchesters weiter zu steigern.
Sie haben 1986 auch bei der Stadtkapelle Kirchheim unter Teck eine Neuausrichtung eingeläutet die sinfonische Blasmusik wurde Mittelpunkt des Schaffens. Hatte Ihre Arbeit beim LBO Einfluss auf Ihre Arbeit in Kirchheim?
Die Neuausrichtung in Kirchheim war ja schon seit 1980 im Gange und somit lange vor meiner LBO-Zeit beschlossen. Wir haben 1986 diesen Plan nur schriftlich gegenüber der Stadt formuliert. Natürlich haben während meiner aktiven Zeit beim LBO beide Orchester von der Arbeit profitiert. Ich konnte damals
schon Synergieeffekte nutzen.
Hat sich Ihrer Meinung nach die Literatur im LBO bis heute verändert?
Ich weiß nicht, ob es sehr viele Unterschiede zu der damaligen Literatur gibt.
Ich habe natürlich zu meiner Zeit manchmal nicht so hochwertige sinfonische Werke gespielt, weil es zu Beginn einfach nicht ging. Die Leistung des Orchesters war zu meinen Anfängen in der Oberstufe anzusiedeln und dementsprechend musste ich die Literatur aussuchen. Auch nachdem die Spielfähigkeit immer besser wurde, habe ich trotzdem versucht, eine gute Literaturmischung zu spielen. Das ist ja heute auch noch so und wurde etwa mit dem "LBO goes movie" Projekt auch so gehandhabt.
Wie würden Sie die Musiker beschreiben, die im LBO ihre Freizeit einbringen?
Insgesamt Idealisten, die nach etwas Besserem streben und bereit sind, auch viel Einsatz zu bringen, um sich selber und das Orchester weiterzuentwickeln und nach vorne zu bringen.
Welche Stellung hat das LBO Ihrer Ansicht nach heute in der europäischen Blasmusikwelt?
Ich glaube, das LBO hat es heute schwer, sich als hochwertiges Orchester zu positionieren, weil es viele sehr gute Auswahlorchester gibt.


Das Orchester war in den 80er-Jahren als Pionier unterwegs, damals gab es nichts Vergleichbares und man muss auch sagen, dass es ein großer Verdienst war, dass das LBO als Vorbild viele andere Initiatoren motiviert hat, Auswahlorchester zu gründen. Daher sollte es weiterhin das Ziel sein, die Leistung zu halten und vor allem im BVBW als Vorbild für die mittlerweile vielen guten Musikvereine zu gelten.
Es gab mal ein kurioses Erlebnis mit einem Fotografen...
Allerdings. Es gibt ja solche und solche Fotografen, aber eine bestimmte Sorte kann ich ganz besonders leiden: Personen, die während eines Konzerts mitten unter den Musikern wild Fotos schießen und damit das Orchester und das Publikum stören. So geschehen in meiner aktiven LBO-Zeit: Ich habe damals kurzerhand während eines Konzerts mitten im Musikstück abgerissen und den Fotografen von der Bühne verwiesen. Die Zuschauer haben für diese Aktion Beifall geklatscht. Und wissen Sie was? Letztes Jahr, fast 20 Jahre später, habe ich den Fotografen bei einem Urlaub am Bodensee wieder getroffen. Er hat mich noch erkannt und angesprochen...
Zu guter Letzt: Was wünscht ein "British Gentlemen" dem LBO und seiner Dirigentin Isabelle-Ruf Weber?
Viele spannende Stunden, noch viele weitere Erfolge und eine gesunde musikalische Weiterentwicklung.
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