Ein Bericht im Teckbote vom 15.10.08 von FLORIAN STEGMAIERPDF-Version
Das Programm ließ keine Wünsche offen
Das Herbstkonzert der Kirchheimer Stadtkapelle in Maria Königin sorgte für einen abwechslungsreichen Abend
Auch beim Herbstkonzert in Maria Königin blieb die Kirchheimer Stadtkapelle unter der Leitung von Harry D. Bath ihrer bewährten Maxime treu, zum traditionellen Herbstkonzert etwas Besonderes zu bieten. Dies wurde zum einen durch ein breit gefächertes Repertoire eingelöst, mit dem die Musiker unter Beweis stellen konnten, dass sie in moderner Tonsprache genauso bewandert sind wie in Idiomen des 16. Jahrhunderts, sich in europäischen Klangwelten ebenso sicher bewegen können, wie in orientalischen und lateinamerikanischen Rhythmen.
Zum ausgesprochenen Reiz des Kirchenkonzerts geriet die Aufgliederung der Stadtkapelle in zahlreiche Ensembles, die im Lauf des Abends in kleiner Besetzung den ganzen Facettenreichtum des Klangverbunds aufzeigten, auch den Kirchenraum als künstlerischen Parameter einbezogen, indem sie von verschiedenen Orten aus musizierten.
Den Reigen eröffnete "Wind in the Reeds", eine vom Klarinettenchor dargebotene Komposition aus der Feder Gordon Jacobs, die nicht zuletzt der klangfarblichen Vielfalt dieser Instrumentenfamilie nachzuspüren schien. In die Welt der deutschen Romantik entführte das Hornquartett mit der nach Motiven von Carl Maria von Weber arrangierten Freischütz-Fantasie, bevor sich das Flötenensemble mit "Sellenger´s Round" Tanzvariationen von William Byrd widmete.
Der historisch und geografisch vollzogene Sprung zu einem anderen Tanztyp, einer Rumba von Michael Coolen, verdeutlichte, dass die Programmfolge nicht zuletzt aus den geschmackvoll gewählten stilistischen Kontrasten, dem bewussten Nebeneinanderstellen verschiedenster klanglicher Charaktere ihre ansprechende Vitalität schöpfen konnte.
Machte sich schon in der "Peruvian Dance Suite" neben den famosen Holzbläsern der perkussive Einschlag stärker bemerkbar, waren die Schlagwerker mit Ralph Kleinehands von türkischer Sufi-Musik inspirierten Stück "Tepe" ganz unter sich, entfalteten äußerst kontrolliert aus der Atmosphäre mystischer Versenkung eine verhaltene Extase, die wieder in die kontemplative Stille des Anfangs zurückkehrte.
Eine Stille, aus der heraus das Posaunensextett mit dem Hochzeitszug der Elsa aus Richard Wagners Lohengrin umso glänzender auftrumpfen und sich gleichermaßen souverän Burrill Phillips
"Piece for six Trombones", einer Originalkomposition aus der Mitte des 20. Jahrhunderts, widmen konnte.
Nach den Gospels "Just a closer walk with thee" und "He´s got the whole world in his hands", deren in überschwängliche Lebensfreude kulminierende Bandbreite an Stimmungen das Saxofon-Ensemble auszuloten wusste, interpretierte das Saxofon-Quartett Johann Sebastian Bachs Präludium und Fuge H-Dur aus dem "Wohltemperierten Klavier". So anachronistisch sich die Besetzung ausnahm, stand sie in punkto Transparenz und Schlankheit des Klangbilds den barocken Kollegen der historischen Aufführungspraxis in nichts nach. Mit Astor Piazollas "Libertango", in waghalsig-forschem Tempo als synkopierte tour de force angegangen, setzten die vier Musiker einen effektvollen Kontrapunkt.
Langsam wurde es voller auf der Bühne. Die vereinten Blechbläser brachten das "Prelude to an New Age" des zeitgenössischen belgischen Komponisten Dirk Brossé zu Gehör. Eine Komposition, die trotz aller Modernität sich ihren Hörern nicht verschließt, vielmehr in der Manier eines gekonnten Soundtracks aus einfachen Motiven heraus episodenhaft durchgehaltene Stimmungen entwickelt – wobei das Pathos die Oberhand behält - und sich geschickt eingeflochtener retardierender Momente bedient, um einen durchgehenden Spannungsbogen aufrechtzuerhalten.
Zum krönenden Abschluss gab sich die gesamte Stadtkapelle mit Gustav Holsts "Second Suite in F" die Ehre, zeigte sich, wie schon nicht mehr anders zu erwarten,
in Höchstform und entsprach dem rhythmisch stark akzentuierten ersten Satz mit zupackender Präzision.
Melancholie und Sehnsucht sind die vorherrschenden Empfindungen des zweiten Satzes, eigentlich ein Lied ohne Worte, an dessen gelungener, sensibler Interpretation die Solo-Oboe entscheidenden Anteil hatte.
Einen rustikalen Einblick in die Gegebenheiten einer Hufschmiede gewährt Holst im dritten Satz – von der Stadtkapelle mit der nötigen Wucht und Energie wiedergegeben – bevor das Finale mit seiner Überlagerung unterschiedlicher Taktarten samt schwungvoller Verflechtung diverser Tanzthemen einen äußerst kunstvollen Abschluss bildet. Die Verstrickungen des Tonsatzes, auch das humorvoll gestaltete solistische Duett zwischen Piccolo und Tuba kamen in der Kirchheimer Aufführung wunderbar zur Geltung.
Auch warum P. A. Graingers "Lincolnshire Posy" zu den absoluten Klassikern des Blasorchesters zählt, dürfte dem zahlreich erschienenen Publikum eindrucksvoll klar geworden sein.
In diesem musikalischen Bouquet lebt sich der Komponist hinsichtlich Harmonik, Rhythmik und Orchestrierung zur Gänze aus und entwirft dabei ausgearbeitete musikalische Skizzen unterschiedlichsten Kolorits – ein Prüfstein also, an dem man entweder scheitern oder brillieren kann. Die Kirchheimer Stadtkapelle entschied sich für Letzteres und bescherte den Hörern damit einen durch und durch hochkarätigen Schlusspunkt eines Konzertabends, der keinerlei Wünsche offen ließ.
