Ein Berich im Teckbote vom 26.07.2010 von BRIGITTE GERSTENBERGERPDF-Version

Zum Finale läuten die Kirchenglocken
"Kunst & Kultur am Schloss": Begeistertes Publikum beim klanggewaltigen Konzert der Stadtkapelle

Die Glocken im SchlosshofDas 1050-jährige Stadtjubiläum Kirchheims ist nicht nur in aller Munde, sondern auch in aller Ohren. Zum Eröffnungskonzert von "Kunst & Kultur am Schloss" zeigte sich die Kirchheimer Stadtkapelle unter der Leitung von Harry D. Bath musikalisch facettenreich und überaus klanggewaltig. Höhepunkt des Konzertes war am Freitagabend in der Kapelle des Schlosses die eigens zum Stadtjubiläum komponierte „Festive Ouvertüre“ von Uwe Kohls, Seminarist am pädagogischen Fachseminar in Kirchheim.

Gleich zu Beginn meisterte die Jugendkapelle mit erstaunlichem Selbstvertrauen das Werk von Jacob de Haan, "Ross Roy", gerade so, als wäre die Komposition den jungen Musikern eigens auf den Leib geschnitten. Geht es doch in dem Werk um die Jahre, die man in der Schule verbringt. De Haan komponierte dieses Werk im Auftrag der "St. Peters Wind Symphony", Brisbane (Australien.) "Ross Roy" ist der Name einer monumentalen Villa aus dem 19. Jahrhundert, in der das "St. Peters Lutheran College" im Jahre 1945 gegründet wurde. Schuljahre als eine musikalische Metapher, ein Monument in der Zeit, die die Persönlichkeit eines Menschen zu einem großen Teil he­rausbildet. Marschmäßig vorgetragen wurde von der Jugendkapelle das Thema Disziplin in der Schule. Im Mittelteil kehrt die Ross-Roy-Melodie wieder, diesmal in einer scherzhaften, humorvollen Variante. Schule ohne Lachen, welch eine quälende Vorstellung. Die Tempi-Wechsel gelingen ausgezeichnet, gerade auch im expressiven Zwischenteil, der Liebe, Freundschaft und Verständnis beinhaltet, spiegelt sich eine musikalisch bestens aufgestellte Nachwuchskapelle wider.

Mit Musical-Sound und federleichtem Swing geht es hinauf auf das "Show-Boat", ein prächtiges Theaterschiff auf dem Mississippi, freilich viel zu groß für die kleine Schlosskapelle, die sich akustisch für die Größe des Kirchheimer Blasorchesters nicht unbedingt als geeignet erwies. Aber das hitzige Sommerwetter hatte sich just zum Konzert eine Auszeit genehmigt und so mussten die überwiegend klanglich voluminösen Stücke notgedrungen etwas eingezwängt im Schloss-Kapellen-Korsett aufgeführt werden. Mit dem Musical "Show Boat" und seinen berühmtesten Titeln der Arie "Ol‘ Man River" und dem Stück "Can‘t Help Lovin‘ Dat Man" zeigten die Solisten Christian Dietrich und Elisabeth Ziegler, die das Ludwig-Uhland-Gymnasiums besuchen, mit der Jugendkapelle, wie facettenreich ein Konzertabend gemeinsam gestaltet werden kann. Die Geschichte des Theaterschiffes "Cotton Blossom" um dessen Käpt‘n und seiner hübschen Tochter Magnolia wird in ganzer Länge vom Chor des Ludwig-Uhland-Gymnasiums, der Jugendstadtkapelle und dem Chor der Musikschule im November in der Stadthalle aufgeführt.

Mit musikalischer Bildhaftigkeit und geradezu heroischen Klängen spielte sich die Stadtkapelle in die festliche Ouvertüre von Dimitri Schostakowitsch, die dieser anlässlich des 37. Jahrestages der Oktoberrevolution geschrieben hatte. Revolutionäre Klänge in der Schlosskapelle, rote Fahnen schienen vor dem geistigen Auge des geneigten Zuhörers vorüberzuziehen. Ein brillantes, vor Temperament nur so sprudelndes Werk. Schostakowitsch, der zeitlebens das totalitäre System mit sarkastischem Unterton musikalisch begleitete, konnte dies allerdings nur verschlüsselt in seinen Werken aufgreifen. Doch gerade die groteske Verfremdung, elementares Stilmittel in Schostakowitschs Werken, wurde von der Stadtkapelle mit lebhafter Energie "wie aus einer soeben geöffneten Champagnerflasche" überaus prickelnd musikalisch serviert.

Monumentale Klangfülle auch beim "Concerto Crosso" von Masamicz Amano. Ein Werk, das durch rhythmische Vielfalt, klassischen und modernen Chiffren besticht. Ein reizvolles Miteinander von Holz- und Blechblasinstrumenten, bei dem die Saxofonsolisten Christoph Neumann, Michael Attinger, Melanie Kapp und Steffen Sauter bravourös aufspielten.

Auf den pompösen Paukenschlag erfolgte ein grandioser Glockenschlag mit eigens aus München zur Uraufführung von Uwe Kohls Werk "Festive Overture" herbeigeholten Kirchenglocken, die die sonst üblichen Orchester-Röhrenglocken ersetzten. Danach erklingt eine gregorianische Melodie aus dem IX. Jahrhundert: "Gib uns Frieden in unseren Tagen, o Herr, weil da kein anderer ist, der für uns kämpft, wenn nicht du, unser Gott". Das Konzertstück, dem die 1050-jährige Stadtgeschichte programmatisch zugrunde liegt, wird in mehreren Stationen musikalisch nachgezeichnet. Der Friedenschoral verweist auf die Zeit der Stadtgründung. Ein einziger Ton in der Soloflöte übernimmt den Funkenflug, der 1690 den verheerenden Stadtbrand in Kirchheim auslöste, dann setzt das dramatische Geläut der Feuerglocken ein. Eingebettet in das Werk von Uwe Kohls ist auch der schwäbische Dichterfürst Friedrich Schiller, der in seinem "Lied von der Glocke" solch einen Stadtbrand schildert. Der Neuanfang wird musikalisch beschrieben in Anlehnung an das Lied von Werner Gneist, "Es tagt, der Sonne Morgenstrahl weckt alle Kreatur".

Im letzten Teil des Stückes kommt der lokale Bezug nochmals besonders zur Geltung. Aus dem Innenhof des Schlosses erschallen durch die geöffneten Fenster der Kapelle die Glockentöne b, es, f und g. Es sind exakt die Töne des Geläuts der Martinskirche. Ein symbolträchtiges sehr gelungenes Werk, von der Stadtkapelle prächtig musikalisch in Szene gesetzt, bei dem die Kirchheimer Kirchenglocken den finalen Schlusspunkt setzten.